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Eine kurze Geschichte meines wissenschaftlichen Werdegangs (bis 1999) Mein Entschluß, das Fach „Allgemeine Sprachwissenschaft" nach erfolgter Immatrikulation an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn (1974) als Hauptfach zu wählen, beruhte einerseits auf der Tatsache, daß ich - vielleicht bedingt durch meine zweisprachige Erziehung (deutsch/französisch) - schon frühzeitig ein großes Interesse an „fremden" (anfangs vornehmlich „orientalischer") Sprachen entwickelt hatte. Andererseits hatte ich während eines sechssemestrigen Studiums der Orientalistik, Semitistik und Ägyptologie (als Gasthörer vor meiner Immatrikulation) die Erfahrung gemacht, daß diese Disziplinen mit ihrer stark philologischen Ausprägung, so, wie sie an der Universität Bonn betrieben wurden, meinen eher sprachwissenschaftlichen Interessen nicht vollständig gerecht wurden. Dennoch blieb das Studium der o.g. Fächer für mich von großem Wert: Zum einen wurde mir besonders in derÄgyptologie (Prof. E. Edel) die Notwendigkeit näher gebracht, sprachliche Daten anhand größerer Textcorpora philologisch zu erarbeiten, zum anderen erhielten meine Neigungen besonders durch die Aneignung diverser semitischer Sprachen (vor allem Arabisch, Syrisch, Akkadisch) einen historisch vergleichenden Akzent, der in meinen späteren Studien und Forschungen stets eine Rolle spielen sollte. Ebenso wesentlich wurde der eher typologisch-vergleichende Aspekt, der sich quasi automatisch durch die Konfrontation vor allem des Akkadischen mit dem Sumerischen, aber auch dem Hethitischen (bei E. Edel) ergab. Um diesen Aspekten eine gesichertere Grundlage zu verschaffen, immatrikulierte ich mich 1974 für das Fach „Allgemeine Sprachwissenschaft" (J. Knobloch) als Hauptfach. Nebenfächer waren „Indogermanistik" (Prof. K.H. Schmidt) und „Germanistik" (diverse Lehrer, u.a. Prof. Uecker (Altnordisch), Besch (Deutsche Sprache) und Steinhagen (Literaturwissenschaft)). Als zusätzliches Hauptfach (damals noch möglich) wählte „Orientalistik" (Proff. Noth, Schützinger u.a.), welches ich 1976 mit einem „Diplom (Übersetzer) für Arabisch" (magisterwertig, mit Türkisch als Nebenfach) am Seminar für Orientalische Sprachen der Universität Bonn abschloß, nachdem ich im ersten Halbjahr 1976 erste Versuche der Feldforschung im Ostsudan (zum Beja) unternommen hatte.
Die Spezifik der Lehrsituation am Sprachwissenschaftlichen Seminar der Universität Bonn bedingte, daß ich zunächst verstärkt im Fach Indogermanistik ausgebildet wurde, während die „Allgemeine Sprachwissenschaft" eher im Hintergrund stand. Neben den „klassischen" indogermanischen Sprachen (Griechisch, Latein, Sanskrit) studierte ich vor allem Altpersisch, Armenisch, Hethitisch, Litauisch und die altgermanischen Sprachen. Bedingt durch die fachliche Ausrichtung meines Lehrers K.H. Schmidt, aber auch analog zu meinen „orientalistischen" Neigungen trat während meiner Studien der Kreis der autochthonen kaukasischen Sprachen immer mehr in den Vordergrund. Das Studium des Georgischen, Svanischen und besonders der ostkaukasischen Sprachen (vor allem Udisch) verstärkte durch ihre Konfrontation mit den indogermanischen Sprachen meine typologischen, auf die Grammatik von Einzelsprachen bezogenen Interessen. Diese erhielten im Laufe der Zeit ihre allgemein-sprachwissenschaftliche" Fundierung, wobei (naturgemäß) zunächst funktionale Grammatiktheorien (Dik, Foley/VanValin, Halliday u.a.m.) im Vordergrund standen.
Nachdem ich vier Jahre als studentische bzw. wissenschaftliche Hilfskraft am Sprachwissenschaftlichen Seminar gearbeitet hatte, erhielt ich 1979 ein Promotionsstipendium der Universität Bonn, um so meine Dissertation zum Thema „Die Sprache der Uden in Nordazerbajdzhan" unter der Betreuung von Prof. Dr. K.H. Schmidt anfertigen zu können. Am 16.12.1981 promovierte ich im Fach Allgemeine Sprachwissenschaft mit dieser Arbeit, die eine zunächst quellenbezogene Untersuchung zur synchronen und diachronen Grammatik dieser relativ atypischen ostkaukasischen Sprache darstellte.
Nachdem ich ein Jahr als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Projekt „Sprachwissenschaftliches Wörterbuch" (Prof. Dr. J. Knobloch) tätig war, erhielt ich am 1.4.1982 eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik der Universität Bonn (IKP) im Rahmen eines vom Bundesministerium für Forschung und Technologie geförderten Projekts zum Thema „Aufbau einer kumulierten Wortdatenbank des Deutschen" (Prof. W. Lenders). Innerhalb dieses Projekts, das die compu tergestützte, (halb)automatische Zusammenführung diverser maschinenlesbarer Lexika des Deutschen (Molex, SADAW, SYSTRAN usw.) zum Gegenstand hatte, um so eine umfassende Wortdatenbank des Deutschen zu erlangen, war ich für die Entwicklung der grammatischen und semantischen Informationsmodule zuständig, wobei es im Wesentlichen darauf ankam, die unterschiedlichen, z.T. theorieabhängigen grammatischen und semantischen Formalismen in ein dem Deutschen adäquates, operables Beschreibungssystem zu überführen. Das Projekt endete am 30.06.1994 mit der Übernahme der Pflege der Datenbank durch das Rechenzentrum der Universität Bonn bzw. durch das IKP, die auch die sich durch Anfragen an die Datenbank ergebenden Serviceleistungen erbrachten.
Meine Tätigkeit am IKP führte eine neue Komponente in meine wissenschaftliche Orientierung ein, nämlich die einer praxisnahen, computerlinguistisch ausgerichteten Forschung zu Fragen der formalen Repräsentation von Grammatiken und lexikalischer Strukturen. Ausdruck hierfür war die Abfassung einer Studie zum Thema „Semantic Primitves and Categories", die von einem Utrechter Systementwicklungsunternehmen in Auftrag gegeben waren war und von diesem 1985 veröffentlicht wurde. Von 1983 an wurden mir durchgängig Lehraufträge am IKP und am Sprachwissenschaftlichen Institut der Universität Bonn erteilt, die am IKP vor allem die Stärkung des linguistischen Wissens der Studierenden des Fach Computerlinguistik und am Sprachwissenschaftlichen Institut die Einübung typologischer Fragestellungen zur Grammatik und die Übertragung der indogermanistischen Methodik auf den Bereich der historisch-vergleichenden ostkaukasischen Sprachwissenschaft zum Gegenstand hatten. Meine systemlinguistischen Interessen wurden 1982 erneut um den Gesichtspunkt der Feldforschung erweitert, als ich mich für einige Monate zu diesbezüglichen Arbeiten in Nord- und Ostmadagaskar aufhielt (vor allem Taomasina, Ambodifototra und Mahajanga). Die hier gesammelten Erfahrungen konnte ich 1985 und 1986 nutzbringend anwenden, als ich mich zur Vorbereitung meiner Habilitationsschrift zur Feldforschung im Ost- bzw. Südkaukasus aufhielt. Gegenstand des seit 1985 von der DFG durch ein Habilitationsstipendium geförderten Vorhabens waren die vermutlich zehn Sprachen der südlichen (lezgischen) Gruppe der ostkaukasischen Sprachen. Zielsetzung war die Erarbeitung des diachronen Hintergrunds dieser angenommenen Sprachgruppe sowie die Substantiierung von Hypothesen über die internen Verwandtschaftsverhältnisse. Längere Aufenthalte in Azerbajdzhan, Georgien, Tschetschenien (Ischkeria) und im Daghestan nutzte ich zur Ermittlung dringend benötigter lexikalischer Daten, aber auch zur weitergehenden Erfassung der jeweiligen grammatischen Strukturen, um in einem späteren Stadium der Forschungen auch den Vergleich grammatischer Strukturen einbeziehen zu können. Ausgangspunkt war hierbei wiederum das Udische, das ich vor allem vor Ort und mittels meines Lehrers Vorošil Gukasjan erlernte, hinzu traten vor allem Chechen, Lak, Dargwa, Tabasaran, Agul, Kryz, Budukh, Khinalug und Caxur.
Das Habilitationsverfahren wurde nach Einreichung der Schrift „Studien zur Rekonstruktion des Lautstandes der süd-ostkaukasischen (lezgischen) Grundsprache" 1988 von der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn eröffnet.
Ende 1987 erging von Seiten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an mich die Anfrage, ob ich bereit wäre, im Rahmen des Lektorenprogramms des DAAD die Stelle eines Maître de conférence invité am Collège de France in Paris anzutreten. Am 1.3.1988 übernahm ich diese neu geschaffene Position. Meine Aufgabe bestand einerseits in der Unterstützung des Lehrstuhls für Grammaire et pensée allemande (Prof. Jean Marie Zemb) in Forschung und Lehre, andererseits in der Entwicklung von Vorschlägen zur „Informatisierung" anderer, vornehmlich philologischer Lehrstühle. Durch diese Zusammenarbeit erhielten auch meine weiteren Forschungen einen stärker interdisziplinären Aspekt (auch gestützt durch die Mitarbeit im CNRS). Nachdem mein Habilitationsverfahren 1989 erfolgreich abgeschlossen war und ich zunächst die venia legendi für „Vergleichende Sprachwissenschaft", dann für „Allgemeine Sprachwissenschaft" erhalten hatte, übte ich parallel zu meiner Arbeit in Paris meine Pflichten als Privatdozent in Bonn aus.
1990 erging an mich die Anfrage, ob ich gegebenenfalls den Lehrstuhl für Linguistique générale an der Sorbonne in Paris (Nachfolge Pottier) übernehmen wolle. Zwar wurde ich auf Platz 1 der Berufungsliste gesetzt, doch verhinderte letztlich die Entscheidung der französischen Kultusministeriums, den Lehrstuhl ausschließlich durch einen französischen Staatsangehörigen besetzen zu wollen, den entsprechenden Ruf. Einen Ruf an die Universität von Chambérie (1991) lehnte ich ab.
In den Jahren 1989 bis 1991 verstärkte ich meine Forschungen im Bereich der kognitiven Begründung grammatischer Kategorien unter Berücksichtigung der synchronen und diachronen Sprachtypologie. Diese zunächst noch an deutschem, französischem und ostkaukasischem Material orientierten Arbeiten erfuhren nach meiner Berufung auf die C 3-Professur für „Allgemeine Sprachwissenschaft" an der Universität München (Vertretung 1991-1992, Berufung 1.9.1992) eine wesentliche Erweiterung, indem sowohl eine größere Zahl von Sprachen unterschiedlichster Provenienz (neben den klassischen indogermanischen Sprachen vor allem (nord-)amerikanische Indianersprachen, paläoasiatische und australische Sprachen) als auch weitergehende Grammatik- und Sprachmodelle Berücksichtigung fanden. In der Wahrnehmung meiner Professur habe ich versucht, den Aspekten einer (typologisch-) vergleichend und explanativ orientierten „Allgemeinen Sprachwissenschaft" soweit wie möglich Rechnung zu tragen.
Dabei verstehe ich unter „Allgemeiner Sprachwissenschaft" eine stark empirisch angerichtete Disziplin, die den Themenbereich „Sprache und Sprachen" zum Gegenstand hat, und die versucht, sich diesem Phänomen als konstitutives Merkmal des homo communicabilis loquens aus kognitiver, systemimmanenter, kommunikativer und soziologischer Sicht heraus anzunähern. Der Schwerpunkt liegt auf der vergleichenden Erarbeitung linguistischer Strukturen bzw. grammatischer Kategorien in möglichst vielen (repräsentativen) Sprachen der Welt. Das so erlangte Datenmaterial bildet die Grundlage dafür, aus der Deskription ein explanatives Modell zu entwickeln, das sowohl die Funktionsweise der Grammatik von Einzelsprachen als auch ihre Begründung in der Beziehung von Kognition und Kommunikation darzustellen vermag. Sprachsysteme werden dabei als historisch bedingte Phänomene gesehen, wodurch der diachronen (historischen) Betrachtung eine besondere Bedeutung zukommt. Hier ist der methodische Maßstab durch die Indogermanistik vorgegeben, weshalb diese Sprachen eine besondere Berücksichtigung (sowohl als eigenständiges Forschungsobjekt als auch als Modellgeber für andere Sprachgruppen). Ich habe in meinen Veranstaltungen seit dem WS 91/92 mehr als achtzig verschiedene Themata behandelt, von den mehr als 20 sprachspezifische Seminare waren (vgl. Liste der Lehrveranstaltungen). Hierbei waren sieben ostkaukasische Sprachen (Chechen, Tabasaran, Khinalug, Udisch, Dargwa, Lak, Lezgi), eine westkaukasische Sprache (Abkhaz), drei nord-amerikanische Indianersprachen (Bella Coola, Cree, Navajo), eine austronesische Sprache (Malagasy), eine australische Sprache (Dyirbal), eine afrikanische (nilotische) Sprache (Turkana), eine eskimo-aleutische Sprache (Yupik), eine paläoasiatische Sprache (Itelmen), sowie das Burushaski (Kashmir) vertreten. Allgemein-typologische Aspekte der Grammatik sowie Fragen der diachronen Grammatik wurden in Seminaren zu den Themenbereichen Akkusativ-Ergativ-Kontinuum (AEK), Kongruenz, Lokalität, Person, Negation, Transitivität, Klasse, Sexus, Genus, Tempus, Aspekt, Modus, Subordination, Grammatikalisierung, Pidgins und Creols sowie zur Areallinguistik angesprochen. Der übergeordnete, theoretische Rahmen schließlich wurden abgesteckt in Vorlesungen unter anderem zu folgenden Themen: Prototypik und Kognition, Bausteine einer Kognitiven Grammatik, Biologie der Sprache, Chomskys "Minimalismus", die „MIT-Orthodoxie", Grundprobleme der Funktionalen Grammatik, Konnektionismus und Sprachwissenschaft, Vygotskijs „Denken und Sprechen", die Grammatik der "Person" und die Grammatik von "Raum und Zeit". Hinzu kamen zwei GSS-spezifische Vorlesungen ("Grundlagen der GSS und "Grammar in Action", s.u.). Diese Auflistung mag verdeutlichen, daß ich die „Allgemeine Sprachwissenschaft" nicht lediglich auf bestimmte nicht-indogermanische Sprachen und auf sich aus diesen ableitende typologische Fragestellungen beschränkt vertrete, sondern daß ich versuche, die „Allgemeine Sprachwissenschaft" in möglichst vielen, die Indogermania einschließenden Fascetten darzustellen, wobei ich besonders in den theoretisch orientierten Veranstaltungen Wert darauf gelegt habe, den Studierenden die theoretische Diversifikation in der Sprachwissenschaft (Sprach- ebenso wie Grammatiktheorien betreffend) umfassend zu vermitteln, um diesen eine eigenständige Orientierung zu ermöglichen.
Der Spannungsbereich zwischen deskriptiven und explanativen Modellen der Grammatik- und Sprachtheorie stellt derzeit einen meiner Forschungsschwerpunkte dar. Er findet seinen Ausdruck in einer siebenbändigen Reihe, deren Publikation mit dem Verlag LINCOM (München) vereinbart ist (1998- voraussichtlich 2002; Band 1 erschienen 1998)). Ziel dieser sieben Monographien [Person, Klasse, Kongruenz - Fragmente eienr Kategorialtypologie des einfachen Satzes in den ostkaukasischen Sprachen (PKK)] ist es, auf der Basis eines kognitiv-kommunikativen bzw. funktionalen Grammatikmodells („Grammatik von Szenen und Szenarien (GSS)) eine deduktiv abgeleitete, aber induktiv evaluierte Kategorialtypologie zu entwickeln, die sich in der Tradition der Humboldtschen Forderung nach einer Enzyklopädie linguistischer Kategorien sieht. Sie bezieht sich in explanativer Hinsicht auf aktuelle Paradigmata der Kognitionswissenschaften (besonders Konstruktivismus) und des Pragmatismus, in systemlinguistischer Hinsicht werden die Grammatikalisierungsforschung sowie die Traditionen der genetischen Divergenz- und der arealen Konvergenzforschung zugrundegelegt. Als Evaluationsgebiet habe ich das autochthone ostkaukasische Areal gewählt, wodurch sich zusätzlich das Projekt einer historisch-vergleichenden Morphosyntax dieser hypothetischen Sprachgruppe ergibt. Die Reihe, wird über das ostkaukasische Areal hinaus andere, für die jeweilige Fragestellung typologisch relevante Grammatiksysteme ständig berücksichtigen, um so auch der Frage nach „universellen" bzw. „partikularen" Kategorien nachgehen zu können. In inhaltlicher Hinsicht konzentriert sich die PKK-Reihe auf die synchrone wie auch diachrone „Rekonstruktion" der grammatischen Architekturen der ostkaukasischen Einzelsprachen bzw. Sprachgruppen, wobei davon ausgegangen wird, daß diese Architekturen universelleren oder partikularen Aspekten der Kognition bzw. von kognitven "Hypothesen" (Modellen) und Kommunikationsroutinen ebenso untergeordnet sind wie immanenten Systemanforderungen. In der Analyse dieser hierarchisch strukturierten Architekturen spielt die Annahme von „sprachlichen Betriebssystemen" (BS) als Organisations- und Steuerungsprinzipien des sprachlichen Ausdrucks von Sachverhaltsvorstellungen eine besondere Rolle, hier vor allem das sog. Akkusativ-Ergativ-Kontinuum (AEK) und seine Reflexe im Gesamtsystem eines grammatischen Paradigmas. Zm AEK und seiner Relevanz für die BS-Typologie sind mehrere Einzelstudien in Arbeit, die auch die technische Seite der Ansiedlung einzelner BS auf dem AEK beschreiben. Der Versuch der umfassenden Erarbeitung einer „Aktantentypologie" kann als einer der zentralen Parameter der aktuellen sprachtypologischen Forschung angesehen werden. Sie betrifft einerseits die Deskription von Kodierungshilfen für aktantielle Relationen (Agens, Patiens usw.), andererseits systemimmanente Bemühungen um ihre synchrone und diachrone Explanation sowie die psycholinguistische (kognitive) und kommunikationstheoretische Fundierung dessen, was innerhalb einer Aktantentypologie zum Tragen kommt. Als zunächst rein terminolgisches Ordnungsprinzip werden die Parameter Akkusativität und Ergativtät herangezogen, die in traditioneller Lesart definiert werden als S=A (AKK) bzw. S=O (ERG). Nach der Aufarbeitung der wesentlichen empirischen Daten soll in einen zweiten Schritt der Versuch einer Einbettung der sich ergebenden deskriptiven Typologie in aktuelle Paradigmata einer funktionalen Sprach- bzw. Grammatiktheorie erfolgen: Hierbei werden neben systemimmanenten Aspekten vor allem kognitive und kommunikative Erklärungsmodelle eine Rolle spielen. Schließlich ist angestrebt, die Ergebnisse im Lichte einer Hypothese über das Akkusativ-Ergativ-Kontinuum (AEK) zu interpretieren, so, wie sie sich aus dem Ansatz einer Grammatik von Szenen und Szenarien ergibt. Hierbei spielt die Vorstellung eine besondere Rolle, daß Akkusativität und Ergativtät in ihrer „Reinform" deskriptive Fiktionen darstellen, die lediglich als methodische Hilfsmittel zur rudimentären Klassifikation dessen dienen können, was sprachliche Systeme zur Abbildung von Sachverhalts-vorstellungen und der hierin involvierten Aktanten beitragen. Um eine realistische Typologie zu erreichen, sollte ein Kontinuum zugrunde gelegt werden, auf das sprachliche Systeme in sehr unterschiedlicher, polyzentrisch motivierter Form reagieren können. Hierzu zählen figure-ground-Relationen (als Metaphorisierung von „Verkörperungsstra-tegien" (embodiment)), ihre weitergehende Metaphorisierung als Ursache-Wirkungsverhältnis, Strategien der szenischen Perspektivierung, des Rekurses auf Wissensbasen (semantische Klassifikation und Refentialität), der Szenenverkettung zu Szenarien, Strategien der Hierarchisierung (Empathie und soziale Deixis), der Zentrierung (in Bezug auf Sprechaktteilnehmer) und anderes mehr. Diese Strategien, die in ihrer einzelsprachlichen Grammatikalisierung als das Betriebssystem einer Sprache bezeichnet werden können, sind in Hinblick auf die zwei o.g. Parameter hochgradig diffus, weshalb es vor allem darauf ankommen wird, die jeweiligen Bedingungen für diese Diffusion freizulegen und damit die Ansiedlung eines gegebenen Betriebssystems (in synchroner und diachroner Hinsicht) auf dem AEK zu ermöglichen. Neben der Arbeit an der PKK-Reihe stellt weiterhin die Beschäftigung mit den grammatischen Systemen von Einzelsprachen einen wesentlichen Schwerpunkt meiner Forschungsarbeiten dar. Hieraus resultiert u.a. eine Monographie zur Sprache der ostkaukasischen Tsakhuren, die 1997 erschien, eine weitere (projektierte) Arbeit befaßt sich mit der Rekonstruktion von polypersonal flektierenden Systemen (u.a. auf der Grundlage der eskimo-aleutischen Sprachfamilie). Der indogermanistische Bereich ist derzeit repräsentiert durch Untersuchungen zur Vorgeschichte der morphosyntaktischen Paradigmata der indogermanischen Grundsprache (vor allem Genussystem, Kasus, Kongruenz), um so zu an die Theorie der GSS angelehnte Aussagen über die Struktur des „einfachen" Satzes der Grundsprache und ihrer typologischen Begründung zu kommen. In diese diachroner Perspektive ist auch die angestrebte Monographie "Protolezgica" einzuordnen, die auf meiner Habiliationsschrift fußt und den Versuch darstellt, den Lautstand des hypothetischen "Proto-Lezgischen" (d.h. Proto-Süd-Ostkaukausischen") mittels der in der Indogermanistik erprobten Kriterien zu rekonstruieren, um so auch Aussagen über die Geschichte dieses linguistischen Areals zu erlangen (einzelne etymologische Aspekte zu spezfischen Wortfeldern sind bzw. werden separat veröffentlicht).
Weiterhin ist beabsichtigt, zur Dokumentation der Sprache der stark bedrohten Uden und zur Bereitstellung umfassenderen linguistischen Materials die nur schwer zugängliche, udische Übersetzung der Evangelien der Gebrüder Bezhanov aus dem Jahre 1893 in einer linguistisch kommentierten Fassung neu herauszugeben, der ein grammatischer Index sowie ein vollständiges etymologisches Glossar beigegeben wird. Hierdurch wird auch das erste etymologische Wörterbuch einer ostkaukasischen Einzelsprache vorgelegt und einer computer-gestützten, korpuslinguistischen Analyse zugänglich gemacht werden. Schließlich möchte ich nächstes Jahr in einem größeren Aufsatz der Frage nachgehen, inwieweit es allgemeinere Konvergenzen in den grammatischen Systemen solcher nicht-europäischer Sprachen zum „Standard Average European" zu beobachten gibt, die in einem kommunikativen Austausch mit der europäischen Kultur stehen, und die als „Modernisierung" (d.h. der Adaption europäischer Identitätsmerkmale) beschrieben werden können. In den gleichen Bereich einer kultursoziologischen Linguistik" zu stellen ist ein projektierter Versuch, solche linguistischen Verschleierungstechniken (in phonologischer, grammatischer und/oder lexikalischer Hinsicht) typologisch zu beschreiben, die als linguistic disguise bezeichnet werden können und das „Verstecken" der eigenen, sprachlich determinierten Identität aus soziologischen, kulturellen oder rituellen Gründen betreffen.
In diese Richtung weist auch die entwickelte Konzeption einer "Grammar in Action" (GiA). Sie versteht sich als ein Verfahren der linguistischen Deskription und Explanation, das sich aus der Konzeption einer "Grammatik von Szenen und Szenarien" ableitet und versucht, das in einem (tradierten) Text dokumentierte, sprachliche (bzw. grammatische) Wissen eines Sprechers zu rekonstruieren.
Im Rahmen der theoretischen Konzeption einer Grammatik von Szenen und Szenarien (GSS) wird unter „Grammatik" ein zunächst individuelles, tacites Wissenssystem um routinierte sprachliche Kommunikation verstanden, das seine kollektive Lesart über entsprechende kognitive Modelle (kollektive Hypothesen) erhält. „Grammatik" stellt in diesem Sinne die „Routinierung" der emergenten Aktivitäten eines polyzentrischen Systems dar, das durch die Schnittstelle Kognition<>Kommunikation<>Welt(en)wissen beschrieben werden kann. Ihre Substantiierung erfährt „Grammatik" als „Sprachsystem" im Spracherwerb, der damit einerseits die Tradierung dieses Wissenssystems (zur Aufrechterhaltung der Kommunikation auch zwischen den Generationen) garantiert. Andererseits aber hat er zur Folge hat, daß sprachliche Systeme grundsätzlich mit einem diachronen (oder anachronistischen) Faktor ausgestattet sind, der eine synchrone Gleichsetzung von mentalen Aktivitäten und Spezifika eines sprachlichen Systems nur dann erlaubt, wenn das Individuum Aspekte seines Wissenssystems in artikuliertes (oder pragmatisches) Wissen überführt (und es damit (meist in volksetymologischer Form) „bewußt" anwendet). Dieser kollektive Anachronismus, der für sprachlichen Systeme insgesamt kennzeichnend ist, ist jedoch ständig konfrontiert mit dem idiosynkratischen Substrat eines Individuums, also mit denjenigen Momenten der Interaktion der o.g. Schnittstelle, die von der Substantiierung als kollektives Sprachsystem weniger oder gar nicht betroffen sind. Das Konzeption einer Grammar in Action (GiA) stellt in dieser Hinsicht den Versuch dar, das sprachliche Wissen eines Individuums auf der Grundlage der Dokumentation seines sprachlichen Tuns zu rekonstruieren. Dabei gilt es, das kollektive Wissen um ein sprachliches System zunächst von Residuen des idiosynkratischen Substrats abzugrenzen, bevor dann das Wissen um das kollektive System selbst in seinen unterschiedlichen Faszetten rekonstruiert werden kann. Hierbei spielt in empirischer Hinsicht die Erstellung einer Art Textgrammatik eine besondere Rolle, d.h. der Versuch, aus der Dokumentation des sprachlichen Tuns eine systematische Grammatik heraus zu destillieren, die in Beziehung gesetzt werden kann zum Metawissen um das System einer Sprache, so wie es sich in den einschlägigen Grammatiken manifestiert. Die Beurteilung der Frage, inwieweit innerhalb eines Dokuments Aspekte der Pragmatisierung des eigentlich taciten Wissens deutlich werden, soll ebenso wie die genauere Charakterisierung des routinierten sprachlichen Tuns mittels einer Grammatik anhand der theoretischen Vorgaben einer Grammatik von Szenen und Szenarien erfolgen. Das letztendliche Ziel einer GiA ist es, mittels der adäquaten Analyse eines Textes (im weitesten Sinne) eine Grundlage für die Rekonstruktion des situierten sprachlichen Tuns eines Individuums zu schaffen, das dann einer weitergehenden Typologie (etwa als Sprachtypologie, Kommunikationstypologie, Typologie kollektiver Hypothesen u.a.m.) unterwerfbar ist: Hinzu treten müßten dabei natürlich (in Abhängigkeit von der Textsorte) eine Reihe dokumentarischer (multimedialer) Hilfsmittel, die nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Daher wird sich der Ansatz zunächst einer GiA in einer ersten Phase auf bestimmte Textsorten beschränken müssen, die den Wissensumfang eines Individuums allerdings nur fragmentarisch und spezifisch reflektieren (etwa Erzählungen, Dialoge usw.) |